Friendly Game - Freundschaftsspiel

Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg
Pat Parelli hat Zeit seines Lebens beobachtet, wie Pferde untereinander kommunizieren. Daraus hat er ein System entwickelt, das es uns Menschen ermöglicht, uns verständlich auszudrücken und unserem Vierbeiner mitzuteilen, was wir von ihn wollen. Dieses System nennt er "die sieben Spiele".

Spannend daran ist, dass Pferde (und natürlich auch Esel und Mulis) diese Spiele von Natur aus miteinander spielen - täglich. Sie spielen sie auch mit uns Menschen doch wir merken es oft einfach nicht. Sinn dieser Spiele ist es nicht, sich einfach nur die Zeit zu vertreiben. Mit diesen Spielen bezwecken Equiden viel mehr. Sie pflegen sozialen Kontakte und regeln permanent die Rangfolge in ihrer Gemeinschaft.

Die Equiden beherrschen diese Spiele meisterhaft. Neu lernen muss hier vor allem der Mensch. Wenn man anfängt, nach Parelli mit seinem Esel, Muli oder Pferd zu arbeiten, merkt man oft erst, wie man von seinem geliebten Vierbeiner manipuliert wird. Es sind ganz kleine Gesten und Bewegungen, die ein Equide macht um uns Menschen zu bewegen - und derjenige, der den anderen bewegt ist im Rang immer höher. Beobachten Sie sich einmal selber. Ein kleines Beispiel. Ihr Esel (Pferd oder auch Muli) steht am Anbinder. Sie wollen ihn putzen. Wie oft erreicht es ihr Tier durch kleine Gesten und Bewegungen, dass Sie ihm ausweichen? Hier eine kleine Drehung des Kopfes in Ihre Richtung, dort ein Schrittchen zur Seite - und Sie weichen. Bei einem ausgiebigen Putzvorgang kann Ihr Esel sie geschickt mehrfach hin und her schicken. Durch die sieben Spiele lernen wir Menschen, still zu stehen und unser Tier zu bewegen. Denken Sie daran, wer den anderen bewegt, der hat das Spiel gewonnen.

Wir lernen, unser Tier zu lesen und auch uns selber. Es erhöht die effektive Kommunikation durch kontrollierte Körperhaltung und Körpersprache, so dass wir z. B. aufhören uns selber ständig zu widersprechen - der Mund sagt "hüh" der Körper sagt "ho". Wenn man diese Spiele richtig spielt, bleibt man seinem Vierbeiner gegenüber immer fair. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man bereit ist zu lernen und sich selber in Frage zu stellen. Durch die sieben Spiele kann man seine Kommunikation deutlich verfeinern. Man lernt, sich besser zu fokussieren. Wenn man richtig spielt sind am Ende einer Spieleinheit beide Spielpartner - Mensch und Equide - zufrieden.

Diese Spiele sind wunderbar dafür geeignet, das Vertrauensverhältnis aufzubauen und zu stärken denn ihr Tier merkt, dass Sie kompetent sind, dass Sie zuhören und seine Bedürfnisse respektieren. Je länger Sie miteinander spielen, desto aufmerksamer und freudiger wird auch Ihr Tier mitmachen denn Sie verstehen einander immer besser und "reden" nicht mehr so oft aneinander vorbei.

Aber mit Eseln klappt das nicht!

Das ist die Aussage vieler Eselmenschen. Esel sind ja anders als Pferde. Esel sind doch viel individueller. Das sind wunderbare Ausreden um es gar nicht erst zu versuchen. Neues zu lernen ist ja nicht leicht und dieser Pat Parelli ist ja ein Pferdemensch, was weiß denn der von meinem Esel? Hierzu folgendes: Pat Parelli hat auch erfolgreich mit Esel und Mulis gearbeitet. Esel wollen im Grunde genauso behandelt werden wie Pferde, mit Liebe, Verständnis und Führungsqualität von Seiten des Menschen - Love, Language and Leadership. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Equiden doch diese sind nicht so tiefgreifend, dass man die ganze Systematik ad acta legen muss. Kommunikation und Verhaltensweisen der einzelnen Arten sind weitestgehend identisch, sodass das bei allen funktioniert, auch wenn Esel nicht ganz so hierarchisch leben, wie es in einer Pferdeherde üblich ist. Erfahrungen haben gezeigt, dass Esel manches sogar deutlich schneller erlernen als Pferde - aber Achtung - das gilt natürlich für gewollte Verhaltensweisen ebenso wie für ungewollte.

Mit dem Esel spielen

Begrüßung - Horsemans Handshake

Haben Sie es gerne, wenn jemand auf Sie zukommt und Ihnen einfach über das Gesicht streichelt? Nein? Auch Ihr Esel mag das nicht. Es ist respektlos, einem Tier einfach in das Gesicht zu (grabschen). Gehen Sie auf Ihr Tier zu, reichen Sie die Hand zur Begrüßung. Wenn das Tier Sie mit dem Gesicht, z. B. der Nase berührt, dann dürfen auch Sie das Tier im Gesicht berühren - ansonsten muss ein Streicheln an einer weniger sensiblen Stelle ausreichen.

Loben

Oft kann man sehen, dass Esel, Pferde und Mulis, wenn sie etwas richtig gemacht haben, geklopft werden. Dies gehört nicht zum Verhaltensrepertoire eines Equiden und wird von vielen auch nicht als angenehm empfunden. Vermeiden Sie es, ihr Tier zu klopfen. Wenn Sie Ihr Tier loben möchten, gönnen Sie ihm eine Pause von der Lektion, streicheln Sie es.

Lächeln

Sie wollen eine schöne Zeit mit Ihrem Tier erleben. Beginnen Sie, indem Sie sich selber in eine positive Grundstimmung versetzen. Das funtioniert am besten, wenn Sie lächeln. Ihre Mimik wird weicher und freundlicher, Ihre Stimmlage genauso. Viel zu oft sieht man ernste, verbissene Gesichter, wenn Menschen mit ihren Tieren arbeiten. Bemühen Sie sich ganz bewusst, viel zu lächeln. Sie werden merken, dass Ihre Laune dadurch positiv beeinflusst wird, was sich natürlich auf Ihr Tier überträgt.

Spiel 1, das Freundschaftsspiel - Friendly Game

Jede Aktivität mit Ihrem Esel sollte mit einem Freundschaftsspiel eingeleitet und beendet werden. Das Freundschaftsspiel stärkt das Vertrauen. Der Esel lernt, Berührungen durch Sie und durch Ihr Equipment als etwas freundliches, angenehmes zu empfinden. Das kann einfaches Streicheln sein, abstreichen mit Halfter, Seil, Gerte - oder Carrot Stick, auflegen einer Decke, anlegen einer Bandage usw. Ihrer Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Die eingesezte Taktik ist Annäherung und Rückzug.

Klaudia Duif mit Großesel August

Achten Sie auf die Hand von Klaudia Duif. Sie beginnt am Hals, kurz vor dem Widerrist,

Klaudia Duif mit Großesel August

wandert auf dem Mähnenkamm nach oben

Klaudia Duif mit Großesel August

und berührt schlussendlich sanft das Ohr. Hier auf dem Bild sieht man, dass dem Esel die Berührung am Ohr unangenehm ist. Daher muss die Hand wieder zurückgezogen werden und man beginnt das Spiel von neuem. So begreift der Esel, dass Sie auf seine Belange Rücksicht nehmen.

Zwingen Sie Ihr Tier nicht, etwas so lange zu ertragen, bis es resigniert. Der Esel soll auch nicht desensibilisiert werden - im Gegenteil.  Ziel ist schlussendlich eine feine Kommunikation mit minimalen Impulsen und Vertrauen. Geben Sie ihm Zeit, sich an etwas zu gewöhnen, zu verstehen, dass nichts schlimmes geschieht, und arbeiten Sie sich kontinuierlich vor, bis Sie mit der Handlung bei Ihrem Tier Wohlbehagen auslösen können. Das Tier bestimmt immer, wie lange es dauert. Bewahren Sie Geduld, bleiben Sie frei von Emotionen und nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Ihr Tier braucht.

Sie können das Freundschaftsspiel zu jeder Zeit spielen und zwischen allen anderen Übungen immer wieder einbauen. Der Platzbedarf dafür ist minimal - wo Sie und Ihr Esel Platz finden, ist auch genügend Raum für ein Freundschaftsspiel. Wenn Ihr Esel danach tiefenentspannt ist, kaut, die Lippen leckt oder gähnt, sind Sie auf einem guten Weg.

Spiel 2, das Stachelschwein-Spiel - Porcupine Game

Weichen auf konstanten Druck. Dieses Spiel nutzen wir, um den Esel zu bewegen. Den Kopf absenken, mit Vorder- oder Hinterhand ausweichen, Hufe geben uvm. Wichtig ist hier wieder, dem Tier gegenüber fair zu sein. Überfallen Sie Ihr Tier nicht mit einer Handlung sondern geben Sie Ihm ausreichend Zeit, Ihre Frage zu verstehen und entsprechend zu Antworten.

Pat Parelli nutzt dabei einen 4-Phasen-Rhythmus. Dieser beschreibt die Intensität, mit der Sie Ihren Esel zu einer Aktion auffordern. Phase 1 ist eine leichte Berührung an den Haarspitzen, bei Phase 2 berühren Sie die Haut, Phase 3 - Sie üben stärkeren Druck z. B. auf die Muskulatur aus, Phase 4 beschreibt das höchste Maß an Druck welches Sie ausüben können, um Ihren Esel zu bewegen.

Hierbei müssen verschiedene Aspekte beachtet werden. Zwischen den einzelnen Phasen muss dem Esel ausreichend Zeit gegeben werden, um zu reagieren, bevor Sie zur nächsten Phase übergehen. Bleiben Sie immer fair - gehen Sie niemals direkt von Phase 1 zur Phase 4, steigern Sie sich immer langsam. Genau wie wir Menschen sind auch Esel unterschiedlich in ihrem Empfinden - was bei einem Individuum als Phase 1 gilt, wird von einem anderen evtl. bereits als Phase 3 oder 4 verstanden. Beginnen Sie also so sanft wie möglich. Ziel ist natürlich, dass Ihr Esel auf Dauer überhaupt nur noch Phase 1 benötigt und auch das kann noch weiter verfeinert werden.

Das Prinzip dabei ist, dass der Esel nach Komfort sucht, also nach einer Position, in der er sich wohl fühlt. Wenn man an einer Körperregion beginnt, Druck aufzubauen machen wir es dem Esel - je nach Phase - ungemütlich. Der Esel versucht nun, wieder in eine Lage zu kommen, in der es für ihn angenehm ist. Optimalerweise weicht er dem Druck, der Druck verschwindet, der Esel empfindet wieder Komfort.

Porcupine Game - Stachelschwein Spiel

Der kleine Esel soll nach Rückwärts weichen. Sobald er einen Schritt macht, endet der Druck mit dem Carrot-Stick und der Esel erhält eine Pause.

Sobald der Esel reagiert muss der Druck verschwinden. Je nach Ausbildungsstand und Charakter des Tieres kann das bereits eine Gewichtsverlagerung sein. Beobachten Sie Ihr Tier immer genau und verpassen Sie nicht den richtigen Zeitpunkt - Timing ist wichtig.

Besonders wichtig ist es, dem Esel danach eine Pause zu gewähren. Der aufgebaute Druck motiviert den Esel zu weichen, mit der darauf folgenden Pause setzt die Lernphase ein. Wenn der Esel nachdenkt, beginnt er zu kauen und sich die Lippen zu lecken - dies ist ein Zeichen dafür, dass der Esel einen Gedanken verarbeitet.

Island Pferd Lysier beim Parelli Training

Unser "Kurzohresel", Islandpferd Lysier, hat verstanden, was Klaudia von ihm wollte. Deutlich kann man sehen wie er die Lippen leckt. Seine Ohren sind weiterhin aufmerksam auf Klaudia gerichtet.


Friendly Game - Freundschaftsspiel

Bevor an einer Körperstelle Druck aufgebaut wird, bereitet man das Tier darauf vor - fair sein. Die Körperstelle wird berührt und gestreichelt, so fokussiert sich der Esel auf die Körperregion. Dann wird der Druck aufgebaut bis der Esel weicht, anschließend beendet man die Einheit wieder mit streicheln der Körperstelle und der bereits erwähnten Pause.

 

Liebe Eselfreunde, dieser Text ist keine Anleitung zur Durchführung der sieben Spiele sondern ein kleiner Überblick über Prinzipien und Möglichkeiten. Wenn Sie sich entschließen, mit ihrem Esel nach dem Vorbild von Pat Parelli zu arbeiten ist es nötig, dabei von einem ausgebildeten Parelli-Instruktor unterstüzt zu werden. Nur so erhalten Sie das notwendige Wissen um es wirklich richtig zu machen. Es gibt viele kleine Details die beachtet werden müssen. Von einem Parelli-Instruktor erhalten Sie das "Handwerkzeug" um dann mit Ihrem Vierbeiner selbständig üben zu können.

Was unterscheidet die Parelli-Instruktoren von anderen Trainern die Kurse im "Natural Horsemanship" abhalten? Natural Horsemanship ist kein geschützer Begriff. Das System nachdem die Parelli-Instruktoren ausgebildet werden ist durch Pat Parelli persönlich lizensiert und weltweit einheitlich. Es gibt genaue Vorgaben darüber, was ein Instruktor lehren darf, wie groß die Seminargruppen sind u.v.a.m. Mehr über Parelli Natural Horsemanship und über Parelli-Instruktoren erfahren Sie z. B. auf der Internetseite vom Horsemanshipcenter Brandenburg in Michaelisbruch.